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"Der Riese Bertelsmann zieht sich komplett aus dem Musikgeschäft zurück. Warum? Weil der Marktplatz Internet auch von den Bertelsmännern nicht in den Griff zu bekommen ist. Wo Popmusik millionenfach illegal und vor allem kostenlos vertrieben wird, ist einfach nichts mehr zu verdienen. Das Ende einer ganzen Branche steht bevor."

Der Absturz der Musikindustrie

Die Sendung "Der Absturz der Musikindustrie" des Radiosenders HR2 wurde auf netzpolitik.org in den Kommentaren als ausgewogener Beitrage gelobt. Der Ansatz war in der Tat löblich, Jugendliche, Vertreter von Promedia, Musiker, Journalisten und Rechtsanwälte kamen zum Wort.

Das Problem bestand darin, dass trotz den ausgewogenen einzelnen Rednern für die Macher der Sendung schon feststand, dass die Rückgänge der CD Verkäufe einzig und allein dem Filesharing verschuldet ist. Sachverhalte wurden so ausgelegt, dass sie die These bestärken. Falschaussagen wurden nicht korrigiert und und und. Allerdings bewies auch ein Vertreter der Meinung "die Musikindustrie ist selbst Schuld" eher sein Unwissen.

Den Zusammenhang zwischen Filesharing und den Umsatzeinbrüchen wird man so sicher nicht finden. Nun aber etwas konkreter:



Der Beitrag begann mit (wer hätte es gedacht) In Rainbows dem aktuellen Radiohead Album. Dieses konnte man vor der Veröffentlichung als CD als MP3 Download, zu einem frei wählbarem Preis, über die offizielle Radiohead Seite erwerben. Trotzdem zogen es viele vor, das Album per Filesharing zu beziehen. Was nicht zur Sprache kam , war die trotzdem notwendige Kreditkarte und die teilweisen massiven Probleme der Internetseite. Trotz allem machten Radiohead alleine mit der Download Version einen Umsatz von geschätzten 6 Millionen US$. Aber nichts davon wurde im HR2 Beitrag erwähnt, ganz zu Schweigen von den Nummer 1 Platzierungen in den Album Charts der USA, Frankreich und Irland.

Nach der unausgewogenen Darstellung des Erfolgs von In Rainbows, wurde nochmal darauf hingewiesen, dass an Allem natürlich illegale Downloads schuld sind. Als Beweis wurde die zeitliche Korrelation herangezogen: Seit es Napster gab, ging es mit dem Umsätzen bergab. Jedoch, nur weil zwei Dinge gleichzeitig auftreten, bedeutet dies nicht das es zwischen beiden auch einen Zusammenhang gibt. Man spricht hier von einer fehlenden Drittvariablen Kontrolle. Denn seit 1997 gab es zahlreiche technische Neuerungen. Ein Beispiel: 1997 wurden Null DVDs verkauft. 2005 waren es schon 100 Millionen! Computer- und Konsolenspiele haben ihren Umsatz in den letzen 10 Jahren verdreifacht. Das Handy erlebte seinen Boom. Wer bezahlt die Millionen von verkauften DVDs, Spiele und Handys? Diejenigen die jetzt weniger CDs kaufen! Dazu auch zwei Auszüge aus sehr interessanten Interviews:

Die Musikindustrie macht Tauschbörsennutzer verantwortlich für drastische Gewinneinbrüche. Der Münsteraner Rechtsprofessor Thomas Hoeren widerspricht.

sueddeutsche.de: Die Musikindustrie macht vor allem die Nutzung der Internettauschbörsen verantwortlich für den Gewinneinbruch.

Hoeren: Damit macht es sich die Branche zu einfach. Dazu tragen viele Faktoren bei: Die CD als Trägermedium ist technisch obsolet, die Musikqualität hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, weil sehr viele Tonträger in immer kürzeren Abständen auf den Markt gebracht werden. Und auch die Preisstruktur ist falsch. Eine CD ist einfach zu teuer. Ein anderes Problem ist, dass die Musikindustrie mit gespaltener Zunge redet, wenn sie das Internet als Verbreitungsmedium verteufelt. Sony bringt als Hersteller MP3-Player mit allen Schikanen heraus, während Sony Music sein CD-Geschäft verteidigen will. Das vollständige Interview

Felix Oberholzer-Gee ist Associate Professor an der Harvard Business School. Dort hat er sich – gemeinsam mit seinem Kollegen Koleman Strumpf von der University of North Carolina – wissenschaftlich mit Online-Tauschbörsen beschäftigt.

sueddeutsche.de: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der ein bestimmtes Lied bei einer Tauschbörse runtergeladen wurde und mit seinen Verkaufszahlen?

Oberholzer-Gee: Nein, den gibt es nicht. Wir haben 700 Platten ausgewertet, die in den Billboard-Charts waren. Dabei haben wir bewusst Musik gewählt, die kommerziellen Erfolg hat. Dann haben wir uns angeschaut, ob es irgendeinen Effekt in den Verkaufszahlen gibt, wenn ein Lied sehr oft runtergeladen wird. Und da haben wir zu unserer großen Überraschung festgestellt: Es gibt da überhaupt keinen Zusammenhang.

Haben Sie eine Erklärung, woran die Krise der Musikindustrie stattdessen liegt?

Es gibt einfach viel mehr Konkurrenz. Wieviel mehr geben junge Leute heute für DVDs oder Videospiele aus? Diese beiden Bereiche sind groß genug um den Rückgang der Musikkäufe zu erklären. Hinzu kommt der ganze Bereich der Handys und des Mobilfunks. Das gab es früher alles nicht. Und es ist ja nicht so, dass Schüler heute plötzlich viel mehr Geld haben als noch vor vier oder fünf Jahren. Das vollständige Interview
Wie man also sieht, kann man durchaus über das Phänomen Filesharing reden, ohne ständig über geklaute Wurst und Brötchen zu reden, wie es gerne Dieter Gorny (Brötchen) oder Helge Malchow (Wurst) macht.

Danke an den Tonspion für den Link


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